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Palimpsest/palimpzestieren »Über Erde Hand, Zeit« in: »Back to earth«

»Palimpzest, Palimpzestieren« in: ›back to the roots‹, Gehrisch Stiftung, (Katalog)

 

Eines Nachts begann ich, Zeitungsbilder zu übermalen. Ich tat es in den folgenden Tagen und Wochen immer wieder, bis ich nicht mehr schlafen gehen konnte, ohne wenigstens ein Bild zu übermalen. Inzwischen sehe ich eine Zeitungsseite vor allem daraufhin an, ob sich eine Möglichkeit für ein Bild über dem Bild ergibt. Dabei ist es völlig unerheblich, ob ich zuerst mit weißer Gouache lösche oder mit schwarzem Edding zeichne. Das Bild entsteht nicht aufgrund eines vorgefassten Plans, sondern in Abwechslung der beiden Tätigkeiten.

Ich bin davon überzeugt, dass das darunterliegende Bild Bedeutung für den Charakter der darüberliegenden Zeichnung hat. Seite für Seite, Zeichnung für Zeichnung entsteht mein Mus-terbuch. Parallel bringe ich mir Fayencemalerei bei, weil sie wie Malen auf grundierter Leinwand passiert. Meine Fayenceglasur ist von war-mem dunklen Weiß. Ein ungeübtes Auge würde diese Oberfläche nicht von einem englischen Steinzeug unterscheiden können, das aber weniger kostbar ist. Nach vielen anderen Versuchen male ich jetzt meine Fayence/Grundierung auf dekorierte Industrieteller, deren Muster mir, wie vorher die Zeitungsseiten, zum Übermalen dienen. Die alten Teller sind wegen der sehr grafischen Transfer-prints unter den durchscheinenden Glasuren besonders gut zum Übermalen zu gebrauchen, der Scherben ist auch weicher und von schönem Gelbweiß.

Früher waren diese Teller billige Massenware, weil sie in großen Stückzahlen günstig produziert und im Alltag gebraucht wurden, bis sie zerbrachen. Übriggebliebenes wurde gering geschätzt und weggeworfen. Deshalb sind gerade Teller heute selten. Ich erstei-gere die Rohlinge im Internet, zeichne auf meine Grundierung mit Hilfe des Musterbuches und brenne dann glatt.

So komme ich in Wirklichkeit auf fünf Schichten: Der Scherben (der tönerne Körper), der Transferdruck, die durchscheinende Gla-sur, die Fayenceglasur, die Zeichnung obenauf. Durch das Brennen sinkt die oberste Zeichnung in die Glasur ein und das unterste Muster dringt teilweise in Sichtbarkeit nach oben durch. Die miteinan-der verschmolzenen Glasuren binden alles in eine Bildfläche von gemeinsamer Stofflichkeit ein.

 

One night I started to paint over newspaper photos. I did the same on subsequent days and in the following weeks until I was unable to go to bed without having painted over at least one photo. Now I look at a page of a newspaper primarily to see whether I can paint a picture over a photo. It makes absolutely no difference whether I first delete the photo with white gouache or draw with a black marker pen.

The picture is created not on the basis of a predefined plan but in alternating between the two activities. I am convinced that the underlying photo is important to the character of the overlying drawing. My pattern book is produced page by page, drawing by drawing. At the same time, I am learning Faience painting because it is like painting on a primed canvas. My Faience glaze is a warm dark white. The untrained eye would not be able to distinguish this surface from English stoneware, which is less valuable. After many other attempts, I now paint my Faience/primer on decorated industrial plates, the patterns of which I paint over, like the newspaper pages before. Old plates are particularly good for painting over on account of the very graphic transfer prints under the transparent glazes. The fired clay is also softer and in a lovely yellowy white.

These plates used to be cheap mass-produced articles. They were used on an everyday basis until they broke. Whatever was left over had little value and was thrown away. For that reason, such plates are rare today. I buy the plates in online auctions, draw on my pri-mer using my pattern book and then glaze-fire them.
This produces a total of five layers: the fired clay (clay body), the transfer print, the transparent glaze, the Faience glaze and the dra-wing on top. Firing causes the top drawing to sink into the glaze and the pattern underneath becomes partially visible. The fused glazes bind everything into an image of multiple materiality.

Date

26. Juni 2013

Category

Forschung, Publikationen, Werk